Beitrag von Joseph Grenny | Mitgründer von VitalSmarts@ | Bestsellerautor von Crucial Conversations®, "Crucial Accountability® und Influencer

Wie man eine Beziehung retten kann, die vor langem in die Brüche ging

Lieber Joseph,
Mein Mann und ich haben seit fünf Jahren nicht mehr mit meinem Schwager und seiner Frau gesprochen. Die Gründe dafür waren ziemlich unbedeutend. Sie wohnen im ersten Stock und wir im Erdgeschoss des gleichen Hauses. Einmal habe ich den Versuch unternommen, einen Schritt auf sie zuzugehen, um die Beziehung zu verbessern, aber mein Entgegenkommen wurde abgelehnt. Wie kann ich jetzt weitermachen und aufhören über sie nachzudenken?

Unterzeichnet,
eine entfernte Verwandte

Liebe Entfernte Verwandte,
bitte warte mal kurz. Du fragst mich, wie Du Dich distanzieren kannst? Ich möchte Dir stattdessen eine letzte Möglichkeit anbieten, wie Du erneut auf sie zugehen kannst. Du schilderst, dass Du innerhalb der letzten fünf Jahre eine Geste der Versöhnung gemacht hast. Einmal. Was waren Deine Motive dafür? Ging Dir der Zustand des beiderseits vertrauten Elends auf die Nerven? Hast Du es aus Prinzip gemacht? Wolltest Du ein besserer Mensch werden, der verzeihend und mutig handelt? Haben Dich wiederkehrende Erinnerungen an glücklichere Zeiten motiviert? Wolltest Du die guten Seiten Deiner fremd gewordenen Verwandten und die vergangenen Freuden zurück in Deinem Leben haben? Ich bewundere Dich dafür, dass Du eine versöhnende Geste gezeigt hast. Einmal. Was auch immer Dich zu dieser Geste motiviert hat, ich möchte Dir helfen, diese Motivation noch ein weiteres Mal zu befeuern.

Ich bin zur Überzeugung gekommen, dass meine Fähigkeit Lebensfreude zu empfinden mit der Fähigkeit zu tun hat, Menschen in ihrer Unvollkommenheit zu lieben. Eine draufgängerische Übung um diese Kompetenz entwickeln zu können besteht darin, Verletzlichkeit in Zeiten akutesten emotionalen Risikos zu zeigen. Zum Beispiel:

  • „Ich liebe Dich“ zu sagen, ohne Erwartung auf Gegenseitigkeit.
  • Menschen in einer Krise Hilfe anzubieten, die Dir mangels Mitgefühl Unrecht getan haben.
  • Eine Verbindung wiederherzustellen mit jemanden, der Dich möglicherweise verletzen könnte.
  • Deine Fehler voll einzugestehen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass andere das Recht haben, ihre Fehler niemals zuzugeben.

Vor ein paar Jahren hast Du einen edlen Vorsatz umgesetzt - äquivalent dem Gang ins Fitnessstudio an einem 2. Januar. Du hast Dich einer extrem schwierigen emotionalen Übung verschrieben. Sobald Dir aber nach dem verkrampfenden ersten Training alles wehtat, hast Du aufgehört hinzugehen und jetzt baust Du wieder ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so lange auf so engem Raum, die Distanz zur Familie aufrechterhalten kann, ohne sich wiederholt den Anlass des ursprünglichen Streits vorzustellen.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Du diese Gefühlskälte beibehalten kannst, ohne regelmäßig nach zusätzlichen Beweisen zu suchen, die dieses Unrecht bestätigen. Ich verurteile Dich nicht, denn ich weiß, dass es einen Grund für Deine Verletzungen gibt. Es gibt fast immer einen Grund. Ich möchte Deine Aufmerksamkeit darauf lenken, wie Dein Groll Dich beherrscht und was Dein Groll mit Dir macht. Im Namen von Freude, Verbindung und Verwundbarkeit: Zurück auf das Laufband!

Bevor du den nächsten Schritt weg von der Familie Deines Schwagers machst, möchte ich Dich um Deiner selbst willen ermutigen, weitere Versuche zu unternehmen, um auf sie zuzugehen. Hier sind ein paar Beispiele:

  • Kleine freundliche Gesten. Verpflichte Dich zu kleinen Gesten, die Du für Deine Verwandten tun kannst. Hinterlasse Blumen, schicke eine Notiz mit einer schönen Erinnerung, lächle ihnen zu oder biete unerwartete Gefälligkeiten an. Wenn Du dies tust, mache es ohne unmittelbare Erwartung. Nimm es als Akt, Dich absichtlich verwundbar zu zeigen. Wenn Deine Verwandten diesen Konflikt genauso lange gehegt haben wie Du, werden sie eine ganze Reihe von Sicherheits-Beweisen brauchen, bis sie selbst dazu bereit werden, ihre eigene Verwundbarkeit zu riskieren.
  • Offenheit und Geduld. Lass sie behutsam wissen: „Mir gefällt es nicht, wie die Dinge laufen. Schade um die vergeudeten Jahre. Ich will euch wieder in meinem Leben haben und bin bereit zu warten, bis es euch genauso geht.“ Dann warte. Geduldig.
  • Unilaterale Entschuldigung. Schreibe ein paar Zeilen, in denen Du Verantwortung für den Konflikt zeigst. Denke tiefgründig und mitfühlend darüber nach, wie sie den ursprünglichen Angriff und den darauffolgenden „Kalten Krieg“ erlebt haben mögen. Übernimm die volle Verantwortung für alles, was du ihnen absichtlich angetan hast, und zeige Reue für alle unbeabsichtigten Verletzungen. Schließe mit: „„Auch ich habe Verletzungen davon getragen, aber keine davon rechtfertigt, mich als einen Menschen zu sehen, den ich nicht respektiere.“ Dann löse Dich von jeder Erwartung. Du musst Dein Vertrauen in sie solange nicht wiederherstellen, bis sie nachgewiesen haben, dass auch Du sicher bist. Du kannst sie aber trotz allem als Menschen wahrnehmen, die der Höflichkeit und Freundlichkeit würdig sind, während Du die Grenzen hältst, die Du brauchst.

Ich habe kürzlich mit einem Mann zu Mittag gegessen, dessen Freundschaft ich vor 20 Jahren verloren habe. Um herauszufinden, was zwischen uns passiert war, stocherten wir in der kalten Glut gegenseitigen Unrechts, das wir uns angetan hatten. Wenn ich auf das Gespräch zurückblicke, konnte ich für beide Geschichten Verständnis aufbringen. Aber all diese geisterhaften Fakten hatten keinen Einfluss mehr auf mich. Wichtig waren die Tränen und unsere Umarmung. Ich habe jetzt wieder große Sympathie für diesen Mann und empfinde sogar Freude, während ich dies niederschreibe.

Es ist gut möglich, dass sich die Dinge ändern werden, wenn Du in den kommenden Monaten Deine Verwundbarkeit zeigst. Falls nicht, bitte ich dich, dort wegzuziehen. Natürlich kann ich nicht die gesamte Komplexität und alle Konsequenzen überblicken, die sich aus diesem Schritt ergeben. Es ist aber schwer vorstellbar, dass Dein Frieden weniger wert sein soll als diese Konsequenzen.

Alles Gute für Dich,
Joseph

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